„Warum eigentlich Tunesien?“ Diese Frage wurde mir in den letzten Monaten immer wieder gestellt. Schließlich hatte ich bei meiner Spezialisierung mehrere Regionen im Mahgreb zur Auswahl, neben der Arabische Halbinsel, Italien mit Florenz als einer meiner Herzensorte – und Südamerika, wo ich nicht nur viele Jahren unterwegs war, sondern auch verschiedene regionale Sprachvarianten des Spanischen spreche. Warum ich mich dennoch bewusst für Individualreisen in Tunesien entschieden habe, hat gute Gründe und auch eine Vergangenheit.
Der Start war eher zufällig
Anfang der 90er-Jahre begann ich bei einem der damals größten europäischen Reiseveranstalter den Job, den man machen sollte, wenn man jung ist, die Welt entdecken und ständig unterwegs sein möchte: Reiseleiterin.
Für mich klang das nach dem perfekten Abenteuer. Besondere Vorkenntnisse waren damals nicht erforderlich. Wichtig waren eine abgeschlossene Ausbildung, Erfahrung im Dienstleistungsbereich, gute Fremdsprachenkenntnisse – und am besten war man noch herrlich jung. Das alles konnte ich bieten.
Bei der Bewerbung durfte man fünf Wunschdestinationen angeben. Auf meiner Liste standen Mauritius, die Seychellen, Bali, Florida und die Karibik. Mit Tunesien hatte ich ehrlich gesagt überhaupt nicht gerechnet.
Dann kam der offizielle Brief: Arbeitseinsatz in Tunesien.
Nun ja – ich sprach Französisch. Das war im Grunde die einzige Voraussetzung, die wirklich passte. Gerade erst war ich von einem zweijährigen Aufenthalt in den USA zurückgekehrt und hatte eher mit einer englischsprachigen Destination gerechnet. Aber ich dachte mir: What the hell – das wird schon gutgehen.
Ankunft in Sousse
Im Februar 1992 landete ich in Sousse, der drittgrößten Stadt Tunesiens. Die erste Woche sollte ich einem erfahrenen Kollegen über die Schulter schauen und ihn bei seiner Arbeit begleiten. Todor war Rumäne, schon einige Jahre im Unternehmen und bei den Tunesiern ausgesprochen beliebt. Er sprach fließend Französisch, kannte die Kultur und hatte ein gutes Gespür für die Menschen. Außerdem verkaufte er jede Menge Ausflüge.
Genau darum ging es damals. Romantische Vorstellungen von exotischen Reisen und ständigem Entdecken hatten mit dem Berufsalltag einer Reiseleiterin nur wenig zu tun. In meiner Stellenbeschreibung stand offiziell „Außendienstmitarbeiterin“. Mit 20 Jahren konnte ich mit diesem Begriff nicht viel anfangen. Heute weiß ich: Ich war im Vertrieb tätig.
Und tatsächlich war ich erstaunlich gut darin. Ich verkaufte Hunderte von „Kamelsafaris“ – so hieß unser beliebtester Ausflug nach Douz, über Kairouan und den Chott el Djerid, den größten Salzsee Afrikas. Ein Hotelgast suchte mich einmal mehrmals auf. Schließlich sagte er zu mir: „Ich habe sofort gemerkt, dass Sie bei der XYZ arbeiten. Sie können einfach gut verkaufen.“
Damals wusste ich nicht so recht, wie ich dieses Kompliment einordnen sollte. Heute sehe ich es anders: Es war wahrscheinlich eines der schönsten Komplimente, die man einer jungen Reiseleiterin machen konnte. Denn gutes Verkaufen bedeutet nicht, Menschen etwas aufzudrängen – sondern sie für etwas zu begeistern, von dem man selbst überzeugt ist.
Mein erster Ramadan
Alles ging ganz schnell dann. Ausgerechnet ich – Tunesien-Anfängerin, 23 Jahre alt, blond und ohne jede Ahnung von den kulturellen Gepflogenheiten des Landes – landete mitten im Ramadan im Land. In einer großen staubigen Stadt. Das blaue mehr habe ich die ersten Tage nicht erblickt.
Rückblickend kann ich mir kaum einen intensiveren kulturellen Einstieg vorstellen.
An vieles erinnere ich mich heute nicht mehr. Eine Szene ist mir jedoch bis heute lebhaft im Gedächtnis geblieben: Gegen elf Uhr morgens lief ich durch die Medina von Sousse und biss ganz selbstverständlich in einen Apfel. Ein älterer Mann in einem langen traditionellen Gewand – damals wusste ich nicht einmal, wie diese Kleidung heißt – reagierte sichtlich missbilligend und spuckte vor mir auf den Boden. Erst viel später wurde mir klar, dass mein Verhalten während des Fastenmonats als respektlos empfunden worden sein könnte. Es war eine meiner ersten Lektionen darüber, wie unterschiedlich kulturelle Selbstverständlichkeiten sein können.
Untergebracht war ich in einem typischen Hotel des damaligen Pauschalreisesegments: ein großer Betonbau, graue Fassaden, schwere Vorhänge, ein einfacher Pool mit weißen Plastikliegen und über hundert Zimmern. Das Essen war solide Hotelküche für den Massentourismus und das Restaurant erinnerte mich eher an eine Jugendherberge als an ein Urlaubshotel. Nach heutigen Maßstäben würde ich das Hotel wohl kaum als schön bezeichnen.
Hammamet calling
Nach einer Woche in Sousse ging es für mich weiter in den Norden – nach Hammamet. Damals galt der Ort als eine der Perlen des Mittelmeers und wurde nicht umsonst die „Côte d'Azur Afrikas“ genannt. Ich freute mich. Bzw. mir fiel ein Stein vom Herzen, nicht in dieser staubigen Stadt der "Bettenburgen" - etwas anderes sah ich in dieser Woche nicht, ein knappes Jahr verbringen zu müssen.
Ein neues Team erwartete mich in Hammamet. Nach einer kurzen Begrüßung – von „Onboarding“ sprach damals schließlich noch niemand – zog ich direkt in das Hotel ein, in dem ich künftig auch meine Gäste betreuen sollte. Es war ein Haus mit rund 400 Betten und drei „Sonnen“ des Reiseveranstalter. Viele Gäste hielten das damals fälschlicherweise für drei Sterne und waren entsprechend enttäuscht. Heute existiert das Hotel nicht mehr – die Bauruine wurde inzwischen abgerissen.
Beruflich lief es für mich dagegen erstaunlich gut. Schon als Anfängerin erzielte ich Rekordumsätze. Meine Bestseller waren die Kamelsafari, Teppiche, die in den Hotelboutiquen verkauft wurden (auch daran verdiente der Touroperator und Reiseleiter bekamen Provisionen) und der Tagesausflug nach Tunis – eine Tour, die ich privat vermutlich nie gebucht hätte.
Los ging es morgens um 7.30 Uhr. Auf dem Programm standen 45 Minuten in Sidi Bou Said, anschließend die Ausgrabungsstätte von Karthago. Danach folgte das Mittagessen in einer großen Halle am Stadtrand von Tunis, gemeinsam mit zahlreichen anderen Reisegruppen. Im Anschluss besuchten wir die Medina von Tunis, die Altstadt. Der Bus parkte an der Kasbah, und wir hatten gerade einmal eine halbe Stunde Zeit. Wer stehen blieb oder sich treiben lassen wollte, riskierte, den Anschluss an die Gruppe zu verlieren.
Zum Abschluss wartete noch das Bardo-Museum mit seiner beeindruckenden Sammlung römischer Mosaike – dafür waren immerhin eineinhalb Stunden eingeplant. Gegen 19 Uhr erreichten wir, müde und voller Eindrücke, wieder unser Hotel in Hammamet.
Welche Erinnerungen sind mir von diesen Touren geblieben? Ehrlich gesagt erstaunlich wenige. Irgendwo zwischen „alles gesehen“ und „nichts wirklich erlebt“. Es war das klassische Besichtigungsprogramm des Massentourismus der 1990er-Jahre: möglichst viele Sehenswürdigkeiten an einem Tag, möglichst wenig Zeit zum Ankommen oder Verstehen.
Vom politischen Geschehen im Land bekam ich damals so gut wie nichts mit. Das entsprach durchaus dem System des damaligen Diktators Ben Ali (wiki). Ich wunderte mich zwar darüber, dass in jeder Hotelhalle ein Porträt des Präsidenten hing, erklärte mir das aber mit dem Gedanken: „Andere Länder, andere Sitten.“ Meine tunesischen Kollegen kommentierten das kaum. Sie fragten mich höchstens schmunzelnd, ob ich ihren Präsidenten gutaussehend fände.
Als ich Tunesien nach zehn Monaten wieder für mein nächstes Einsatzgebiet verließ, hatte ich keine konkreten Pläne zurückzukehren. 1996 besuchte ich noch einmal eine ehemalige Kollegin in Hammamet – mehr aus einer Freundschaft als aus dem Gefühl heraus, dass dieses Land einmal ein wichtiger Teil meines Lebens werden würde.
Rückkehr nach Tunesien
Fast zwanzig Jahre später führte mich das Leben zurück nach Tunesien. Es war 2012, ein Jahr nach dem Arabischen Frühling, der in Tunesien als Jasmin-Revolution in die Geschichte einging.
Für meinen Urlaub entschied ich mich bewusst für mein damaliges Lieblingshotel in Hammamet. Nicht nur wegen des Ortes selbst, sondern vor allem wegen der Menschen, die dort arbeiteten. Das Hotel war schon in den 1990er-Jahren hervorragend geführt – von der Rezeption bis zum Direktor, damals noch ein Deutscher.
Bei meiner Ankunft wurde ich von einem vertrauten Gesicht begrüßt. Naim, der früher Reservierungschef gewesen war, hatte inzwischen die Hotelleitung übernommen. Für meine ersten Reisen nach Tunesien sollte er später zu einem unverzichtbaren Partner werden.
Damals ahnte allerdings noch niemand, wohin dieses Wiedersehen führen würde. Eigentlich war ich nur im Urlaub – gemeinsam mit einer argentinischen Freundin. Mein Unternehmen drehte sich zu dieser Zeit ausschließlich um den Argentinischen Tango, und Tunesien spielte dabei noch überhaupt keine Rolle.
Wir organisieren hier auch Golfreisen. Warum kommst du nicht einmal mit einer Tangogruppe nach Hammamet?
Aus einer spontanen Idee wurden wenig später die ersten Tangoreisen nach Tunesien. Der Rest ist Geschichte.
Tangoreise mit über 70 Teilnehmern nach Hammamet
Am Ende unseres Aufenthalts sagte Naim Zarrouk, der Direktor, ganz beiläufig einen Satz, der im Nachhinein mein weiteres Berufsleben verändern sollte:
2014 landeten wir zum ersten Mal mit einem Charterflug in Enfidha-Hammamet. Mit dabei waren ein Tanzpaar als Tangolehrer, ein Tango-DJ und eine große Gruppe tanzbegeisterter Menschen. Eine Woche lang stand der Tango im Mittelpunkt – mit Workshops, Milongas und viel gemeinsamer Zeit auf der Tanzfläche. Ergänzt wurde das Programm durch einen Ausflug nach Tunis. Die Hauptstadt, das orientalische Flair, die herzliche Gastfreundschaft, die ausgezeichnete tunesische Küche und die Begegnungen mit den Menschen machten diese erste Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis – und legten den Grundstein für viele weitere Reisen nach Tunesien mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Reisekonzepten bis zu einem zertifizierten Bildungsurlaub, einer Bildungszeit als Seminar.


Eine Tangoreise mit mehr als 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmern – das ist schon eine beachtliche Größe. Wer eine solche Reise bucht, hat vor allem ein Ziel: möglichst viel tanzen. Gleichzeitig wünschen sich die Gäste ein schönes Hotel, idealerweise direkt am Meer, und die Möglichkeit, auch die Kultur des Gastlandes kennenzulernen. Genau das konnte ich in Hammamet anbieten - und noch viel mehr: Luxusurlaub im Zauber des Orients.

Der Moment, in dem sich alles veränderte
Tunesien in Pandemiezeiten: Diese Reise war weit mehr als eine weitere Tunesienreise. Gemeinsam mit einem kleinen Team – einem Filmemacher, Fahrer und meiner Assistentin – machte ich mich auf den Weg von Hammamet über Kairouan bis nach Tozeur. Unser Ziel war es, einen Imagefilm für meinen Seminarurlaub auf Djerba zu produzieren. Gleichzeitig wollte ich zum ersten Mal das Tunesien kennenlernen, das ich während meiner Zeit als Reiseleiterin nie wirklich gesehen hatte. Denn damals endete meine Welt meist in Douz, dem „Tor zur Sahara“. Weiter führte keine der klassischen Pauschalreisen.
Von Douz aus fuhren wir mit einem erfahrenen Wüstenführer in den Nationalpark Timbaine – tief hinein in die Sahara. Die Jeeptour wurde von einer lokalen Agentur organisiert, die sich auf Expeditionen in diese einzigartige Landschaft spezialisiert hat. Dort entstand auch dieser kleine Trailer, der bis heute einen Eindruck von dieser Reise vermittelt. Was mich jedoch am meisten beeindruckte, waren nicht nur die Riesendünen.
Es waren die Menschen.
Abseits der touristischen Zentren begegneten wir Familien, Handwerkern und Dorfgemeinschaften, deren Alltag kaum etwas mit den Hotelanlagen an der Küste zu tun hatte. Ich hatte viele Jahre geglaubt, Tunesien sei vor allem Tourismus geprägt. Erst auf dieser Reise wurde mir bewusst, wie wenig ich das Land tatsächlich verstanden hatte. Diese Begegnungen veränderten meinen Blick auf das Reisen grundlegend.
Mir wurde klar, dass ich keine Reisen anbieten wollte, bei denen möglichst viele Programmpunkte in möglichst kurzer Zeit absolviert werden. Ich wollte Reisen gestalten, die Raum für Begegnungen lassen. Reisen, bei denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen, voneinander lernen und ein Land nicht nur besuchen, sondern wirklich erleben.






Achtsamer Tourismus als neue Reiseausrichtung
Wenn ich heute auf meinen ersten Aufenthalt in Tunesien zurückblicke, erkenne ich, wie sehr sich mein Verständnis vom Reisen verändert hat.
Damals ging es darum, möglichst viele Sehenswürdigkeiten in möglichst kurzer Zeit zu besuchen. Reiseleiterinnen und Reiseleiter waren Verkäufer, Hotels wurden nach Bettenkapazitäten ausgewählt, und echte Begegnungen mit den Menschen vor Ort blieben oft zufällig. Es war die Zeit des Massentourismus – und sie entsprach dem Zeitgeist.
Heute reise ich anders. Mich interessieren keine Rekorde bei der Anzahl besuchter Sehenswürdigkeiten. Mich interessieren die Geschichten hinter den Orten. Ich möchte Menschen zusammenbringen, Begegnungen ermöglichen und Reisen gestalten, die sowohl den Gästen als auch den Gastgebern etwas geben.
Deshalb finden meine Reisen nach Tunesien bewusst in kleinen Gruppen statt und sind individuell. Wir nehmen uns Zeit für Gespräche, besuchen Familien, entdecken historische Orte ohne Zeitdruck und erleben das Land mit allen Sinnen – durch seine Menschen, seine Küche, seine Kultur und seinen Alltag.Nachhaltiger Tourismus bedeutet für mich nicht nur, Ressourcen zu schonen. Er bedeutet vor allem, respektvoll zu reisen: mit Offenheit, Neugier und dem Wunsch, ein Land wirklich kennenzulernen.
Vielleicht hat genau deshalb ausgerechnet Tunesien seinen festen Platz in meinem Leben gefunden. Ein Land, das mich als junge Reiseleiterin zunächst überfordert hat, ist vieleMich interessieren keine Rekorde bei der Anzahl besuchter Sehenswürdigkeiten. Mich interessieren die Geschichten hinter den Orten. Ich möchte Menschen zusammenbringen, Begegnungen ermöglichen und Reisen gestalten, die sowohl den Gästen als auch den Gastgebern etwas geben.
Deshalb finden meine Reisen nach Tunesien bewusst in kleinen Gruppen statt und sind sehr individuell gestaltet. Wir nehmen uns Zeit für Gespräche mit Einheimischen, entdecken Orte ohne Zeitdruck und erleben das Land mit allen Sinnen – durch seine Menschen, seine Küche, seine Kultur und seinen Alltag.
Nachhaltiger Tourismus bedeutet für mich nicht nur, Ressourcen zu schonen. Er bedeutet vor allem, respektvoll zu reisen: mit Offenheit, Neugier und dem Wunsch, ein Land wirklich kennenzulernen. Dieses Land ist Jahre später der Ort geworden, an dem ich genau die Art von Reisen verwirklichen kann, an die ich heute glaube.
Manchmal braucht es Umwege, um am richtigen Ziel anzukommen.



Hotelanlage während Pandemie
„Komm mit mir nach Tunesien – nicht, um möglichst viel zu sehen, sondern um das Land wirklich kennenzulernen.“
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